Geschichte des Qigong
Artikel von Jannis Brinkmeier, 21. März 2026
Woher kommt Qigong? Wie ist Qigong entstanden und was hat sich über die Jahrtausende verändert? In diesem Artikel erfährst Du mehr über die Geschichte des Qigong – vom Schamanismus bis zum Qigong im modernen China und im Westen.
Qigong ist das Produkt einer Jahrtausende andauernden Entwicklung. In diesem Artikel wollen wir den Weg nachzeichnen, der Qigong zu dem formte, was wir heute darunter verstehen: Begonnen bei den Ursprüngen im Schamanismus über die ersten überlieferten Formen, die vielfältigen Einflüsse und die politischen Wandlungen der letzten Jahrhunderte.
Schamanismus
Die ersten Praktizierenden haben bereits vor mehr als 10.000 Jahren als Schamanen und Heiler mit Spontanem Qigong begonnen – heute in einigen Traditionen als fortgeschrittenste Form angesehen. Als Bindeglieder zwischen der Menschenwelt und Geisterwelt, zwischen Himmel und Erde, zwischen Leben und Tod haben sie Rituale und Trancezustände genutzt, um energetisch zu arbeiten. Oft waren sie dabei nicht nur spirituelle, sondern auch weltliche Anführerinnen und Anführer ihrer Gruppen.
Schamanismus gab es natürlich nicht nur im asiatischen Raum, sondern auf der ganzen Welt. Ein spannendes Beispiel aus Deutschland ist die „Schamanin von Bad Dürrenberg“, deren zahlreichen Grabbeigaben Aufschluss über die Bedeutung der Natur und insbesondere der Tierwelt für schamanistische Traditionen geben. Neben Masken aus Hirschgeweih, dutzenden Tierzähnen, und Schmuckplatten aus Wildschweinhauern sind auch Panzerbruchstücke der seltenen Sumpfschildkröten und weitere Tiertrophäen gefunden wurden.

Eine Vase aus der Zeit des frühen Wuismus zeigt wahrscheinlich einen Schamanen, der – mit etwas Vorstellungskraft betrachtet – in einer uns sehr bekannten Position steht: unserem Qigong-Stand, mit den Händen vor dem Unterbauch
Menschen sind oft ungeplant und spontan zum Schamanen initiiert worden – etwa durch eine schwere, fiebrige Erkrankung oder durch Nahtoderfahrungen, die mit Visionen einhergingen. Inspiriert von einem inneren Ruf zogen sie oft alleine los, um sich ein Tierfell für den Bau einer Trommel oder Trophäen für Rituale zu erbeuten, welche lebenslange Begleiter wurden. Auch Ritualtänze waren oft von Tierbewegungen inspiriert. Bis heute haben sich in einigen Traditionen Tiertänze erhalten. Beispiele findet man unter anderem bei dem Mentawai-Stamm in Indonesien, hierzu gibt es auch Videomaterial im Internet.
Bei der Schamanin von Bad Dürrenberg gibt es zudem Hinweise auf einen möglichen körperlichen Einfluss auf die Trancearbeit: Das gefundene Skelett der Schamanin weist eine Anomalie am Atlaswirbel (dem obersten Halswirbel, der direkt an den Schädel grenzt) auf, die ihr durch eine bestimmte Kopfbewegung ermöglicht haben könnte, die Blutzufuhr zu ihrem Gehirn kurzzeitig zu unterbrechen und sich so in Trance zu versetzen.
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Wuismus
In der Region des heutigen China hat vor allem eine schamanistische Tradition Bekanntheit erlangt: Der Wuismus, der vor rund 6000 Jahren im nordöstlichen China entstand.
Auch hier spielten Tiere eine entscheidende Rolle: Bezeichnend sind vor allem ritualisierte Tiertänze, Gesänge und Bewegungen, von denen eine Linie bis zu dem Qigong, was wir heute kennen, gezogen werden kann. Zudem wurde mit Orakelknochen (s. Abb. 1) und Traumdeutung gearbeitet, um die Zukunft vorherzusehen.
Diese Methoden wurden in verschiedenen Stämmen und Traditionen über Jahrtausende zu strukturierten Atem-, Meditations- und Bewegungsübungen entwickelt.

Schildkrötenpanzer-Orakelknochen mit frühen chinesischen Schriftzeichen mit dem im Wuismus die Zukunft vorhergesagt wurde. (National Museum of China, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons)
Diese Methoden wurden in verschiedenen Stämmen und Traditionen über Jahrtausende zu strukturierten Atem-, Meditations- und Bewegungsübungen entwickelt.
Anfänge der traditionellen chinesischen Medizin
Im Verlauf der Jahrtausende entwickelte sich das, was wir heute Qigong nennen, zu einer der zentralen Säulen der traditionellen chinesischen Medizin – und erschloss sich damit einen Kreis, der über Schamanen, Heiler und Priester hinaus die breite Bevölkerung erreichte. Zum ersten Mal systematisiert wurden therapeutische Prinzipien im Huangdi Neijing („Innerer Klassiker des Gelben Fürsten“), welcher vor etwa 2000 Jahren zusammengestellt wurde. In diesem findet sich vieles wieder, was wir auch heute noch kennen: Grundlagen des Leitbahnsystems, die Bedeutung von Qi für die Gesundheit und Vitalität der Menschen, Atemregulationsübungen und auch Körperhaltungen und -bewegungen mit dem Fokus auf Qi-Bewegung.
Auch das bekannte Werk Daodejing, dem Weisen Laozi zugeschrieben und vor etwa 2500 Jahren verfasst, beschreibt unter anderem meditative und physische Kultivierung zur Verlängerung des Lebens und dem Erreichen höherer Bewusstseinszustände.
Der SINN, der sich aussprechen lässt,
ist nicht des ewige SINN.
Der Name, der sich nennen lässt,
ist nicht der ewige Name.
„Nichtsein“ nenne ich den Anfang von Himmel und Erde,
„Sein“ nenne ich die Mutter der Einzelwesen.
Darum führt die Richtung auf das Nichtsein
zum Schauen des wunderbaren Wesens,
die Richtung auf das Sein
zum Schauen der räumlichen Begrenztheiten.
Beides ist eins dem Ursprung nach
und nur verschieden durch den Namen.
In seiner Einheit heißt es das Geheimnis.
Des Geheimnisses noch tieferes Geheimnis
ist das Tor, durch das alle Wunder hervortreten.
– Dadejing, Laotse (Übers. v. Wilhelm Reich)
Die ersten überlieferten Übungen
Der älteste Fund, der eine ganze Übungsreihe dokumentiert, stammt aus den Han-Gräbern von Mawangdui und wird auf ein Alter von über 2000 Jahren datiert: Hier wurden Seidentexte ausgegraben, die 44 Bewegungen und Haltungen sowie deren therapeutischen Nutzen darstellen. Erkennbar sind auch einzelne Elemente, die wir aus überlieferten Formen wie dem Ba Duan Jin (Acht Brokate) kennen.

Reproduktion der originalen Seidentücher aus den Gräbern von Mawangdui mit unterschiedlichen Qigong-Übungen.
In einem Teil der Seidentexte finden sich „Tierspiele“, in einem anderen sind Übungen zur Behandlung spezifischer Krankheiten dargestellt: Fieber, Hernien, Knieprobleme, aber auch Angststörungen zählten zu den Anwendungsgebieten.
Im Verlauf der darauffolgenden Jahrhunderte entstanden die ersten, bis heute durchgängig übermittelten Übungsformen wie das Yi Jin Jing des Shaolin-Klosters.
Aufblühen in China
In den darauffolgenden Jahrhunderten blühten Qigong-Praktiken in China auf und verbreiteten sich im ganzen Land. Zunehmend entstand eine Aufspaltung in meditative Praktiken einerseits, und die Gymnastik betonende Formen andererseits. Erstere wurden insbesondere in elitären sowie religiösen Kreisen vermittelt und in der Entwicklung auch vom sich ausbreitenden Buddhismus beeinflusst; letztere legten einen Fokus auf die Gesunderhaltung und körperliche Bewegung. Insbesondere diese wurden für die breite Bevölkerung ohne spirituelle Elemente zugänglich.
In dieser Zeit entstand auch das heute noch sehr bekannte Übungssystem Wu Qin Xi. Das Spiel der fünf Tiere drückt, inspiriert von Tierbewegungen, die im Menschen wirkenden elementaren Kräfte aus. In diesem finden sich viele Parallelen zum System der Fünf Elemente.
Entwicklung unter Einfluss des Daoismus und der Kampfkünste
Zu Beginn der Tang-Dynastie vor rund 1500 Jahren war der Daoismus bereits fest in der chinesischen Kultur verankert und hatte sich mit festen Institutionen wie Klöstern, einer organisierten Priesterschaft und ritualisierten Praktiken etabliert. Diese Entwicklung hatte einen bedeutenden Einfluss auf Qigong, welches in den daoistischen Klöstern neben meditativen Atem- und Bewegungstechniken praktiziert und weiterentwickelt wurde. Auch philosophische Einflüsse finden sich im Qigong wieder: Die Kultivierung von Gesundheit und Spiritualität sowie die Harmonie zwischen Mikro- und Makrokosmos. Auch das Streben nach Langlebigkeit und Erhalt von Jugend bis hin zur Unsterblichkeit wurde ein zentrales Element.

Die „Karte der Inneren Landschaft“ aus dem Daoismus beschreibt künstlerisch die energetischen und inneren alchemistischen Prozesse im menschlichen Körper. (Bild: Nikolay Potanin, https://flickr.com/photos/25698914@N05/9441066681)
Zur Zeit der Song- und Yuan-Dynastien vor 1000 Jahren fand ein zunehmender Austausch mit verschiedenen populärer werdenden Kampfkünsten wie Tai Chi und daoistischer Alchemie statt. Wudang (innere, daoistische Kampfkunst) und Shaolin (äußere Kampfkunst) wurden bekannte Traditionen für die Integration von Qigong in die Kampfkünste mit dem Fokus auf die Kultivierung innerer Stärke.
In dieser Zeit spielt auch die Legende von Zhang Sanfeng, welcher eines Tages den Kampf einer Schlange mit einem Kranich beobachtete und dabei die besondere geschmeidig-kraftvolle Bewegungsform der Schlange bewundert haben soll, mit der sie den Kranich besiegte. Dies diente ihm als Inspiration für die Entwicklung innerer Kampfkünste; diese Art der flüssigen, teilweise schlangenartigen Bewegungen finden wir auch in vielen Qigong-Formen.
Verdrängung
In der Qing-Dynastie (etwa 1650 bis 1900 u.Z.) gab es tiefgreifende soziale und politische Veränderungen im chinesischen Kaiserreich. Besonders der in Bevölkerung und Staat an Bedeutung gewinnende Konfuzianismus verdrängte die traditionellen spirituellen Praktiken, darunter besonders auch die mystischen und spirituellen Aspekte des Daoismus und Qigong.
Unter dem Druck des gesellschaftlichen Wandels wurden diese Praktiken eher in ländlichere Gebiete verdrängt, wo sich Schulen lokal und unabhängiger voneinander weiterentwickelten. In dieser Zeit entstand daher eine große Diversität an Methoden und Übungsreihen.
Durch die massiven gesellschaftlichen Umbrüche nach dem Fall der letzten Kaiser-Dynastie (1912) gab es außerdem zunehmende Bestrebungen, die alte Gesellschaftsordnung zu hinterfragen und in der neu gegründeten Republik China westliche Werte einzuführen.
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Qigong im kommunistischen China
Diese Entwicklungen beschleunigten sich noch deutlich im kommunistischen China ab 1949. Hier wurde die zunehmende Trennung von unerwünschten spirituellen und religiösen Einflüssen aktiv durch den Staat gesteuert. Erwünscht hingegen war der Aspekt der Gesundheitsförderung. Im Sinne des „stolzen Erbes des Mutterlandes und des Sozialismus“ fand dieser Aspekt nicht nur staatliche Förderung, sondern wurde auch standardisiert, formalisiert und vereinfacht. Diese reduzierten Formen wurden als Behandlungsmethoden verbreitet und mit westlicher Wissenschaft und Medizin auf eine Linie gebracht.
Durch den Prozess der Vereinheitlichung wurden in dieser Zeit Übungen und Philosophien verschiedener Schulen zusammengelegt, wodurch neben dem Verlust von Systemen und Erfahrungen auch Inkonsistenzen entstanden, die sich nicht mehr vollständig auflösen lassen.
Qigong, dessen Name im Rahmen einer wissenschaftlichen Untersuchung offiziell festgelegt wurde, diente zunehmend als Symbol für Chinas neue Kultur und Medizin. Ganze Kliniken, die sich der Qigong-Therapie verschrieben, entstanden in ganz China und existieren zum Teil bis heute.

Propagandaposter der Kulturrevolution von 1960. Mao Zedong hebt die Hand vor roten Fahnen, Unterschrift: „Siegreich voranschreiten entlang der revolutionären Linie von Vorsitzendem Mao“
Im Rahmen der Kulturrevolution ab 1966 wurde noch einmal ein ganz anderer Ton angeschlagen: Der „Neue Mensch“ sollte jenes „selbstlose Gemeinschaftswesen in der herrschaftsfreien Gesellschaft sein, das seit jeher durch die Menschheitsutopien gegeistert war“. Interpretiert wurde dieses Ideal durch die damaligen Staatsführer um Mao als Zerstörung der sogenannten vier Relikte: alte Gedanken, alte Kultur, alte Gebräuche, alte Gewohnheiten. Hierunter fiel natürlich auch das Qigong, welches unter dem Vorwand des Klassenkampfes weitgehend – auch gewaltsam – unterdrückt und verboten wurde.
Reformpolitik ab 1976 und Qigong-Fieber
Mit dem Ende von Maos Leben und Herrschaft begann ab 1976 die Reform- und Öffnungspolitik Pekings, welche auch das offene Praktizieren von Qigong in der Breite der Bevölkerung wieder ermöglichte. Diese neue Freiheit führte zur Wiederentdeckung des Interesses an Traditionen, Spiritualität und Mystik. In den folgenden Jahrzehnten entstand ein regelrechter Boom – auch als Qigong-Fieber bekannt. Dutzende Millionen Chinesinnen und Chinesen praktizierten zu dieser Zeit. Teilweise wurden ganze Stadien genutzt, um zu Tausenden gemeinsam zu üben.

Falun Gong Praktizierende, China. (Bild: User longtrekhome, https://www.flickr.com/photos/14871980@N05/2482306961)
Es entstand wieder eine lebendige Subkultur. Die große und auch heute noch aktive (und sehr kontroverse) Bewegung Falun Gong mobilisierte die Massen, gab der Praxis eine neue Struktur, einen religiösen Rahmen und auch eine politische Komponente.
Qigong in der modernen Welt
Genau diese politische Komponente führt seit Ende der 90er Jahre zu einer erneuten staatlichen Regulierung und teilweise gewaltsamen Unterdrückung durch die kommunistische Regierung. So wird Qigong in China heute wieder vorrangig als Gesundheitspraxis gesehen und behandelt.
Zum Exportschlager besonders für die westliche Welt wurde Qigong bereits in den 70er Jahren – auch im Rahmen der New Age-Bewegung – und hat sich mittlerweile in weiten Teilen Europas, den USA und darüber hinaus verbreitet.
Heute kann Qigong so an tausenden Orten in Deutschland und auf der Welt gelernt und geübt werden. Die lange, komplexe Geschichte hat die vielen Traditionen, die heute unter Qigong zusammengefasst werden, sich erst so vielfältig entwickeln lassen. Von einem System der Gesundheits- und Lebenspflege bis hin zu spiritueller Entwicklung ist Qigong für jeden Menschen mit Neugierde und Mut, etwas Neues zu wagen, erfahrbar. Natürlich auch hier bei uns im Tanden Dojo!
Wenn Du jetzt neugierig geworden bist und auch in Zukunft Nützliches aus Meditation, Qigong sowie Heil- und Energiearbeit erfahren und über aktuelle Angebote auf dem Laufenden bleiben möchtest, dann abonniere einfach meinen Newsletter:
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